Sonntag, 13. Januar 2013

[virtuelle Couch] Im Gespräch mit Tanja Meurer

Heute darf ich als Gast bei mir Tanja Meurer begrüssen. Ein neuer Stern am Autorenhimmel, eine gnadenlos begabte Zeichnerin und sehr sympathische Frau.

 
Hallo Tanja,

herzlich willkommen auf meiner virtuellen Couch. Ich freue mich wahnsinnig, Dich hier begrüßen zu dürfen. Nimm doch bitte Platz und fühl Dich wie zu Hause.
Danke Dir :)


Na, dann wollen wir mal unsere Leser nicht warten lassen und fangen doch direkt mal an.
Bin für alle Schandtaten bereit. Leg los :)




Ich habe Dein Buch „Glasseelen - Schattengrenzen 1“ gelesen und war völlig fasziniert von Deinem Schreibstil und der Geschichte.
Wie kamst Du darauf, ausgerechnet ein Buch über den Untergrund Berlins zu schreiben?
 Glasseelen war eigentlich eine Auftragsarbeit meiner ehemaligen Agentin. Themenvorgabe: Berlin, Berliner Unterwelten und Museumsinsel. Insgesamt hatte ich mindestens fünf Konzepte, wovon zwei sogar ganz solide waren. Leider gingen sie zu sehr in Richtung Horror. Eine andere Idee scheiterte daran, dass einer der Protagonisten Ägypter war und eine weitere daran, dass der Protagonist schwul war (Oliver, der in „Schattengrenzen 2“ Handlungsträger sein wird).


Hat sich das Werk von Ernst T. A. Hoffmann im Laufe des Schreibens ergeben oder war es von Anfang in Deinem Kopf verankert?
 Nach zwei Tagen Bücher wälzen und Internet durchforsten hatte ich immer noch keine passende Idee für das Buch, die auch angenommen wurde. Alle vorangegangenen Vorschläge hatte meine Agentin abgelehnt. Irgendwie kam ich auf keinen grünen Zweig. Irgendwann bin ich noch mal alle Buchregale durchgegangen. Mir fiel ein altes DDR-Buch in die Hand: Der Berliner Bilderbogen. Geschichten um und aus dem alten Berlin. Nach einer Weile bin ich an einer Geschichte um E.T.A. Hoffmann hängen geblieben: Hoffman und das Blumenmädchen. Hoffmann – das war es. Er lebte bis zu seinem Tod in Berlin, nah der Museumsinsel, war ein nicht ganz so netter Zeitgenosse und eine sehr vielschichtige Person. So wurden er und eine seiner Geschichten Ausgangspunkt der Planung. N ur welche sollte ich nehmen? Da ich seine Novellen seit meiner Kindheit kenne und liebe, habe ich mir meinen Favoriten – Der Sandmann - ausgesucht. So wurde das Buch zu einer What-if-Story.



Du sprichst in Deinem Buch eher heranwachsende junge Menschen an. Gibt es dafür einen bestimmten Grund oder möchtest Du Dich eher auf diese Leserschaft konzentrieren?
  Eigentlich wollte ich das ganz und gar nicht. Camilla war zu Anfang 19. Sie sollte Auto fahren können und nicht mehr am Rockzipfel ihrer Familie hängen. Damit hätte ich weitaus mehr Freiheiten gehabt, einfach weil ich ihre Eltern nicht mit einplanen musste. Daraus wurde zunächst nichts. Um das Buch unter All Age herausbringen zu können, wurde Camilla immer jünger. Irgendwann war sie 16. Ein echt scheußliches Alter, in dem man nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Man hat die Eltern teils satt, andererseits ist man von ihnen abhängig. Deswegen musste ich den starken Bezug zu ihrer Familie auch einbauen. Als Bookshouse das Buch nahm, erlebte „Cammy“ eine Rückentwicklung. Sie dürfte – nein musste – wieder älter werden. Du hast keine Ahnung, wie glücklich ich darüber war. Allerdings waren da noch ihre Eltern … mit dem Problem bin ich so verfahren, dass ich sie immer eigensinnig werden ließ und ihre Eltern irgendwann nur noch bedingt bedeutend für sie sind. Die Zuneigung zu ihrem Vater kühl erheblich ab, während zu ihrer Mutter, mit der sie ein eher neutrales, bis unterkühltes Verhältnis hatte, eine enge, auf Vertrauen basierende Freundschaft entsteht. Im Verlauf der Romane werden Camilla, Christoph, Oliver, seine Brüder, Jamal (der Ägypter ;)) und Daniel älter. Die Charaktere und Handlungsstränge überschneiden sich ohnehin, da Camilla und Oliver miteinander verwandt sind. Ab dem dritten Buch arbeiten die Personen ohnehin fest miteinander.


Wenn Dein Buch verfilmt werden würde und Du die Möglichkeit hättest die Schauspieler für die einzelnen Protagonisten auszuwählen, wen würdest Du aussuchen?
 Oh, böse Frage … da müsste ich ehrlich gesagt diverse Underground-Schauspieler durchgehen. Bei Camilla gibt es ja eine lebende Vorlage, aber da ich die junge Dame nur von Messen kenne (sie ist unheimlich lieb) und ich weiß, dass sie Leihenschauspielerin ist, würde ich natürlich sie wählen. Bei Christoph würde mir nur Jens Veit einfallen, aber der hat nur einen Film gemacht (Oi!Warning, 1999). Heute ist Jens – so weit ich weiß – wieder Bauwagenpunk und lebt sein Leben ohne Medientrubel. Für Bernd Weißhaupt stand mein ehemaliger Teamleiter Pate, auch ein Bernd :) Was Grimm und Habicht betrifft, so existieren beide nur in gezeichneter Form. In vielen Fällen würden Schauspieler nicht der Person entsprechen, die ich mir vorstelle.



Du bist, wie man weiß, auch eine fantastische Zeichnerin. Du arbeitest mit vielen Verlagen zusammen und gibst vielen Büchern Deinen Touch. Dahinter steckt viel Arbeit und es sind auch verschiedene Genres, auf die Du Dich einlässt.
Ist Dir das nicht zu belastend, neben Deinem Beruf und der Arbeit als Autorin?
 Als Illustrator arbeite ich offiziell seit 2006, zusammen mit meiner Partnerin Juliane Seidel für Fanprojekte, Clubs und in eigenen Projekten sogar schon seit 2002. Durch die Messeauftritte bis 2011 war es auch oft stressig, aber es ging eigentlich immer. Letztlich kommt der Erfolg nicht vom Hände in den Schoß legen. In einigen Punkten ist wohl auch mein Ego dafür verantwortlich, denn ich musste meiner Familie etwas beweisen. Meine Mutter war zu Lebzeiten eine talentierte Künstlerin, hat aber nichts daraus gemacht. Infolgedessen hat jeder meine Sturheit und mein Durchsetzungsvermögen angezweifelt. Ich bin nicht gut genug, um in der Profiliga mitzuschwimmen, aber ich werde beauftragt. Das ist schon vorzeigbar. Langsam stellt sich damit auch die Anerkennung meiner Familie ein :)



Was zeichnet Dich aus?
 Extreme Sturheit. Ich habe einen irren Betonschädel – was ich von meiner Familie habe. Wahrscheinlich auch ein gnadenloses Übermaß an Ideen. Neben dem Schreiben und Zeichnen leite ich auch noch Rollenspielrunden, für die ich mir viel einfallen lassen muss. Was wohl auch zutrifft, ein gutes Gedächtnis (bildliches Gedächtnis). Was ich einmal gesehen/ gelesen und verstanden habe, vergesse ich selten wieder. Mein „Mutter Teresa-Tick“, wie sich mein ehemaliger Projektmanager ausdrückte ;) Ich bin unkonventionell, optisch ein Freak – klar, ein Punk. Im Gegensatz dazu steht mein fast hysterisches Ordnungsbewusstsein (ansonsten finde ich nie wieder, was ich suche … leidvolle Erfahrungen sprechen für sich). Und ich liebe Kaffee, Käse, Eis, Pizza, Kriminalistik, Kriminalgeschichte und Filme. Auch darin bin ich ein Freak. Aber da kämen noch so viele Sachen hinzu … das wäre zu viel ;D




Hattest Du je den Gedanken eine andere Richtung einzuschlagen?
 Beruflich? Oft. Ich bin gelernte Bauzeichnerin aus dem Hochbau, war schon Kurier- und LKW-Fahrerin, habe auf dem Bau als Sekretärin gearbeitet und bin jetzt Sachbearbeiterin. Werden wollte ich allerdings immer Polizistin (Kripo), aber dafür war ich damals zu klein. Wenn Du auf die Schreiberei und das Zeichnen anspielst, so mache ich genau das, in dem ich mich wohl fühle: Horror, Mystery, Thriller, Steampunk/ Steamfantasy, Fantasy. Was ich nicht könnte: romantische Frauenromane zu schreiben. Dafür fehlt mir das Talent.



Wenn Du einen Tag lang ein anderer Mensch sein dürftest, wer würdest Du gern sein wollen? 
Einer ohne Sorgen :) Scherz beiseite, bis auf die paar Problemchen, die ich habe, komme ich mit meinem Leben ganz gut klar. Ich fühle mich wohl. Als Freak werde ich auch so behandelt, soll heißen, es passiert nichts, womit ich nicht rechne. Ich brauche also keine Maske und kann sein, wer ich bin. Wer mich kennt, akzeptiert mich so, wer daran Anstoß nimmt, sollte vielleicht offener werden, aber im Grund genommen ist es mir egal. Jeder soll sein, wie er will. Deswegen bin ich ganz zufrieden mit der Person Tanja – eben weil ich frei bin und keine Skrupel oder Zweifel haben muss. Ich weiß, wer ich bin, was ich leisten kann, welche Fehler ich mache und was okay ist. Das reicht mir eigentlich :)



Welches Buch hat es Deiner Meinung verdient ein Bestseller zu sein? 
Da gibt es verdammt viele, besonders von unbekannteren Autoren, Underground-Literatur, bestimmte Genre der Belletristik. Bei einigen Buchinhalten begreife ich den Hype nicht, aber das verstehe ich auch in Bezug auf Filen bei den Blockbustern nicht. In meinen Augen haben Bücher, die Tiefer gehen und deren Inhalt zu einem Teil Deines Denkapparats werden, weil sie sich für Wochen nicht daraus vertreiben lassen, das Potential dazu. Aber das sind nicht die, die Massen begeistern und nicht mainstreamig sind. Klaus N. Fricks (Peter Pank) Bücher liebe ich, genauso Oliver Plaschkas (Die Magier von Montparnasse), Maria Antonia Oliver (Monsüchtig), etc. Allerdings lese ich auch viele Klassiker und Undergruound-Romane, Sachbücher und schwule Literatur. Ich bin darin sicher nicht der ideale Maßstab.


Gibt es ein Buch, das Du gerne selbst geschrieben hättest?
 Lynn Flewellings „Nightrunner“-Reihe … Warum? Ganz einfach, weil in der High-Fantasy-Reihe bösartige Parallelen zu meinem „Night’s End“ verborgen liegen. Aber da Night’s End nie erschienen ist … ;) Schwule Fantasy kommt eben nicht gut an.



Was ging in Dir vor, als Du die Zusage erhalten hast, dass Dein Buch gedruckt und veröffentlicht wird? 
Geschafft! War einer der ersten Gedankengänge. Dann kam: das kann nicht wahr sein. Schließlich bin ich wie eine Blöde durch meine Wohnung gehüpft. Stillsitzen war nicht mehr drin. Irgendwann wurde ich auch ruhiger, aber die Duracel in meinem … lief noch eine ganze Weile nach :) Das war einer der tollsten Momente in meinem Leben.


Hast Du schon Pläne für Deine Zukunft? 
Ungefähr die gleichen wie bisher: weiter machen und vielleicht meine anderen Bücher aus den anderen Genres unterbringen. Ich bin Realist. Arbeiten werde ich auch weiterhin hauptberuflich, denn Schreiben und Zeichnen zahlen weder Miete noch Lebenshaltung. Das ist ja letztlich nur ein Anfang. Ich gehe nicht davon aus, dass ich nur ein Buch brauche, um bekannt zu werden. Das ist Unfug. Aber es gibt Interessenten. So lang das so ist, bin ich guter Dinge.



Würdest Du gerne etwas an Dir ändern wollen oder bist Du zufrieden, so wie Du bist? 
Wie schon erwähnt: ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich recht ungeniert. Ich bin generell so weit ziemlich zufrieden. Im Beruf werden Leistungen bewertet, nicht das Aussehen. Meine Freunde akzeptieren und respektieren mich so, wie ich bin. Ich genieße viel vertrauen und das reicht, um glücklich zu sein. Mehr muss nicht. Davon abgesehen verändert man sich im Lauf seines Lebens ohnehin situationsgebunden. Von daher wird man nie auf einem Stand verharren. Die Gelegenheit zum Ändern hat man immer.


Du hast 3 Wünsche frei. Welche wären das? 
Den Riss in der Frontscheibe meines Wagen müsste nicht sein. Das wäre schon mal einer.

Dann hätte ich gern wieder Kontakt zu einem sehr lieben, alten Freund, den ich zum letzten Mal 1995 gesehen habe. Er fehlt mir als Kumpel unheimlich. Leider weiß ich nicht, ob er überhaupt noch lebt.

Wunsch drei: keine Schulden bei der Bank zu haben. Nicht reich sein, einfach nur immer zahlungsfähig.



So und zum Abschluss noch eine Frage. Was werden wir in Zukunft noch alles von Dir lesen? Hast Du schon bestimmte Dinge in Aussicht? 
Die nächsten Bände zu Schattengrenzen :) Allerdings mache ich auch stur mit Steampunk und Steamfantasy/ Fantasy weiter.

Zum Thema Steampunk sind die Geschichten über das victorianische Ermittlerduo Anabelle und Madame Zaida teils bei Ulrich Burger, Aethergarn und auf „Like a Dream“ veröffentlicht:

Horror würde ich auch gern wieder schreiben und einiges ernsthaftere zur Punk-Szene.



Vielen lieben Dank Tanja, dass Du mir Rede und Antwort gestanden hast. Es hat mir riessig Spaß gemacht ein wenig von Dir zu erfahren. 
Danke Dir :D



Ich möchte am Schluss noch etwas los werden. Ich bin ein großer Fan Deiner Zeichnungen und ich kann nur jedem Leser dieses Interviews ans Herz legen, sich die Webseiten von Tanja Meurer anzusehen. Es lohnt sich definitiv.  
Okay, jetzt bin ich rot ;)


Vielen Dank auch an bookshouse, die mir das Interview ermöglicht haben.


Kommentare:

  1. Ein sehr schönes Interview und so ...echt...falls ihr versteht was ich meine. Ich mag Oliver Plaschka auch =)
    Glasseelen habe ich mir auch schon besorgt und schlummert in meinem Kindle. =)
    Liebe Grüße

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  2. Es ist auch so echt :) So bin ich. Live, 3D und in Farbe ... okay, teils auch in s/w :)

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  3. Wie viele Teile für Schattengrenzen sind denn geplant?

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  4. Bislang noch keine klare Anzahl an Einzelbänden, da Oliver und Camilla mit den Büchern auch älter werden. Ihre Freunde verändern sich, einige bleiben auf der Strecke, die Vorzeichen für beide ändern sich ebenfalls. Durch die Dinge, die auch im Umfeld von Camilla passieren, bzw. die Oliver in dem alten Haus und der Buchhandlung erlebt, laufen allerdings schon auf eine gemeinsame Spitze hinaus. Es existieren bereits schon drei fertige Bücher und drei angefangene, die ihren Fokus ein wenig weiter in das persönliche Umfeld der Protagonisten verlegen. Aber keine Angst, der Leser findet sich nicht bei Personen wieder, die er nicht schon eingehen im Vorfeld kennen gelernt hat.

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